CLUBHEFTLI    TAUCHCLUB   NEPTUN   MUTTENZ     HEFT Nr. 1/2003


Titelbild: Urban Legends

Urban Legends (Grossstadtmärchen, städtische Geschichten) sind Geschichten, deren Herkunft nicht bekannt ist, die auftauchen und sich spontan verbreiten, weil sie sich gut erzählen lassen und weil sie Interesse wecken. Die meisten dieser Geschichten sind nicht wahr. Viele haben eine wahre Grundlage, sie wurde aber im Interesse einer guten Geschichte pointierter gestaltet. Am bekanntesten ist wohl die Geschichte von den Alligatoren in New Yorks Kanalisation oder die Geschichte vom Taucher, der von einem Löschflugzeug beim Wasserladen aufgesogen und über brennendem Wald abgeworfen wurde. Beide Geschichten sollen erfunden sein. Eine Sammlung von Urban Legends ist unter der Internetadresse www.urbanlegends.com zu finden. Sie handeln vor allem von dem, was die Menschen am meisten interessiert. Sex, Crime, Food und Horror haben hohen Stellenwert; Taucherisches findet man hier kaum oder dann gibt es nicht viel her. Immerhin, die Geschichte vom Wal von Oregon hat doch einigen Gehalt. Newsgroup Postings bei www.urbanlegends.com waren die Quelle für die im folgenden mit einiger Freiheit erzählte Geschichte.


Der Wal von Oregon


1970, Strand südlich von Florence, Oregon

12. November 1970! Dieser Tag, obwohl schon mehr als dreissig Jahre zurück, lebt immer noch weiter in Amerikas kollektivem Gedächtnis. Der Pazifik schwemmte einen Wal an die Beach von Oregon. Der 15 Meter lange, acht Tonnen schwere Potwal erregte anfänglich das Interesse von Anwohnern und Besuchern, wurde aber bald zum Störenfried. Das Ungetüm war bereits tot und verströmte einen fauligen Geruch. Wie konnte man dieses Ding nur wieder loswerden? Nach langen Beratungen kam man zum Schluss, der bequemste Weg, sei es doch einen Sprengstoff-Spezialisten zu holen, der den Kadaver in die Luft sprengt. In feinste Stücke zerkleinert würde so das Ganze ins Meer hinaus fliegen und die Möven würden den Rest übernehmen. Erledigen sollten das die Jungs vom State Highway Department. Diese sagten sich: «Wir wissen selber, wie man mit Sprengstoff umgeht, wozu brauchen wir da noch einen Spezialisten? Wir machen das doch billiger und schneller in eigener Regie.» Sie legten die Ladungen und sprengten den Wal. Dieser flog tatsächlich in die Luft, allerdings nicht in kleinsten Stücken seewärts, sondern er regnete zum Teil in der Form von grossen, stinkenden Brocken landeinwärts.


1970, Interstate 5 Highway südlich von Florence, Oregon

Entgeistert starrte der Geschäftsmann Walter Umenhofer auf die zerquetschten Überreste seines Buick: «Das wird mir meine Versicherung nie abkaufen!», stöhnte er. Ein anderthalb mal ein Meter grosses, eklig stinkendes Stück Walfischspeck war soeben, die Zuschauermenge in den Sanddünen in schönem Bogen überrundend, eine viertel Meile durch die Luft gesegelt und hatte anschliessend auf der Interstate zur Landung angesetzt, präzis auf Umenhofers Buick-Dach. Immerhin Umenhofer war der Einzige, der zu Schaden kam, wenn man einmal von den Zuschauern absieht, die mit fauligen Walstückchen beregnet wurden.


1979, Strand südlich von Florence, Oregon

Den Leuten von Oregon stockte neun Jahre später das Blut in den Adern: Eine Herde von 41 toten Potwalen trieb auf die Küste zu, beinahe an den selben Ort wie der Wal von 1970! – Aber diesmal wurde keine Story draus. Tier für Tier wurde würdig bestattet.


1995: Die Blubber* Hotline

Fünfundzwanzig Jahre später lebte die Geschichte wieder auf. Eine lebendige Beschreibung der Walsprengung ging als elektronisches Newsletter-Bulletin mit dem Titel «The Farside Comes To Life in Oregon» durchs Internet. Der Autor beschrieb darin detailliert seine Videokopie von den damaligen Fernsehnachrichten, unterliess es aber zu erwähnen, dass der Vorfall bereits 25 Jahre zurück lag. Der Kolumnist der Daily News griff das Thema auf und druckte den Newsletter wortwörtlich nach. Nun liefen die Telefone heiss in Oregon. Journalisten oder einfach Neugierige wollten es genauer wissen. Das Telefon von Ed Schoaps, dem Koordinator für Public Affairs beim Oregon Department of Transportation, erhielt intern den Übernamen «Blubber Hotline», weil Schoaps immer wieder Fragen zur unsterblichen Geschichte beantworten musste. Er trugs mit Fassung und nahm die Sache von der humorvollen Seite.

Jürg Hauri

*Blubber = englisch Walfischspeck

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